Kindheit und Jugend

Kindheitstrauma, Trauma, Adoption


Ein Kind zu adoptieren war einer meiner großen Lebensträume seit jungen Jahren. Viele Jahre später, durfte unsere kleine Familie ein fünfjähriges Mädchen - nennen wir sie Indira - aus einem indischen Kinderheim abholen, von ihrer Vergangenheit wissen wir so gut wie nichts.
Sie hatte – wie nicht anders zu erwarten - große Defizite, aber im ersten Jahr machte sie unglaubliche Fortschritte, mein Mann und ich waren glücklich und so stolz auf sie. Sie war ein hübsches, lebhaftes, liebenswertes Kind, das die Aufmerksamkeit auf sich zog. Wir durften etliche Ereignisse ihrer Kindheit und Jugend miterleben, die uns positiv in Erinnerung blieben. Wir spielten, lachten, unternahmen viel, reisten, gingen ins Theater, besuchten Konzerte, sie spielte Gitarre, tanzte, wir förderten sportliche Betätigungen und vieles andere mehr. Jahrelang fragte sie mich täglich am Weg zur Schule an der Tür: "Mama, bist du zu Mittag auch noch da?"
Sie zeigte jedoch von Anfang an auch auffällige, schwierige Verhaltensweisen, die sich besonders ab der Pubertät stark auswirkten. Dass es unter Umständen nicht leicht werden würde, war uns bewusst, wir hatten jedoch keine Ahnung was es bedeutet, ein hochproblematisches, schwer frühkindlich traumatisiertes Kind in die Familie aufzunehmen.

Im Laufe der Jahre erhielt unsere Tochter mehrere – wie in solchen Fällen üblich - psychiatrische Diagnosen. Doch Einzeldiagnosen wie Posttraumatische Belastungsstörung, Störung der Impulskontrolle, Reaktive Bindungsstörung, Störung des Sozialverhaltens mit oppositionellem Verhalten, ADHS, Persönlichkeitsstörung oder Bipolare Störung können die Auswirkungen eines (frühkindlichen) Traumas nicht in geeigneter Weise erfassen. Ein amerikanischer Experte meint, man sollte es besser „entwicklungsbezogene Traumafolgestörungen“ benennen. Doch wie ich einem Presseartikel entnehmen konnte, können selbst renommierte österreichische GerichtspsychiaterInnen dieser Einschätzung nichts abgewinnen. Viele Symptome/Verhaltensweisen stehen wohl mit Dissoziations- oder Übererregungsreaktionen im Zusammenhang.
Die Resilienz von Menschen ist sehr unterschiedlich und damit auch die Fähigkeit schwierige Lebenssituationen zu meistern. Folgestörungen können sich im starken Bedürfnis im Mittelpunkt zu stehen, zu provozieren, in den Forderungen nach sofortiger Bedürfnisbefriedigung, im ständigen Überschreiten sozialer Normen und Grenzen, in der sehr eingeschränkten Fähigkeit zu Bindungs-, Leistungs- und Sozialverhalten, selbstschädigendem Verhalten und vor allem in der sehr geringen Frustrations- und Stresstoleranz äußern.

Ein friedvolles, harmonisches Zusammenleben war oft nicht möglich. Ständige Provokationen, Lachen, Störungen, stark oppositionelles Verhalten, besonders aber die mangelnde Kontrolle der Impulse, die besonders ab der Pubertät oft sehr rasch zum Durchbruch kamen und mit wüstesten Beschimpfungen, aber auch körperlichen Attacken und Zerstörung von Gegenständen einhergingen, waren für uns und ihre Umgebung schwer zu ertragen. Es genügen schon Gestik, Mimik oder harmlose Bemerkungen, dass sich frühkindlich Traumatisierte blitzschnell einer wahrgenommenen, aber nicht mehr existenten Bedrohung ausgesetzt sehen und ein reflexartiger Impuls im Hirnstamm ausgelöst wird, der zu einem völligem Kontrollverlust führen kann, wo weder das eigene Verhalten, noch die Konsequenzen daraus in diesem Augenblick realisiert werden können. Sie befinden sich in permanentem Hochstress, ihr Grundgefühl ist unbewusste Angst, dies macht das Verhalten dieser Menschen so unberechenbar.
Sie entwickeln große Macht- und Kontrollstrategien um unbewusst die frühkindliche Ohnmacht nicht mehr erleben zu müssen. Diese Kinder sind von einem niedrigen Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen geprägt, auch wenn sie dies oft durch forsches Auftreten oder nicht angepasstem Verhalten zu überspielen trachten.

Je nach psychischer Befindlichkeit lief es zu Hause besser oder schlechter, wobei sich die Situation blitzartig ändern konnte. Wenn irgendetwas nicht nach Indiras Kopf ging, folgten Wutanfälle und es kam auch öfter vor, dass sie uns den Tod wünschte und mit dem Umbringen drohte. Es gab Zeiten, da sperrte ich abends alle Messer und Scheren weg, da ich mir nicht sicher war, ob sie nicht nächtens zur Tat schreiten würde.
Solche Kinder/Jugendliche sprengen jedes (Familien-)System und die Rolle eines Angehörigen ist extrem kräfteraubend und belastend.
Kinder, die am Beginn ihres Lebens nicht ausreichend versorgt wurden, oft unvorstellbares Leid erleben mussten, bedürfen einer starken Außensteuerung, fester Rhythmen, Regeln, Ordnung, Stabilität, Sicherheit und Konsequenzen. Hinzu kommt oft noch eine "Anstrengungsverweigerung", die meist ab dem Jugendalter auftritt. Dabei wird alles, was nicht unmittelbar gefällt, hartnäckig verweigert und die Einforderung von Alltagstätigkeiten kann schon bei kleinsten Kleinigkeiten zu Konflikten führen. Es kostet diesen Menschen viel Energie und Anstrengung, da sie die ganze Welt als potentielle Bedrohung wahrnehmen, um nicht die Kontrolle zu verlieren. So bleibt  für andere Tätigkeiten vielfach keine Kraft.
Indira nimmt ihre Umwelt in einer oft sehr verzerrten, der Realität nicht entsprechenden, ja fast wahnhaften Weise wahr.

Als Elternteil ist man weit über das Vorstellungsvermögen vieler gefordert, da diese Kinder sehr viel Liebe, Verständnis, eine enge Begleitung, Struktur, Gelassenheit, Konsequenzfähigkeit, sehr, sehr viel Zeit, Geduld und dauerhafte Unterstützung, die oft nicht altersgemäß ist, brauchen. All dies im Alltag zu leisten war zugegebenermaßen für uns sehr schwer zu bewältigen und gerade diese "andere"  Begleitung für unserer Tochter, so wie man sie  bei sicher gebundenen Kindern nicht anwenden würde,  stieß vor allem als sie älter wurde immer wieder auf Unverständnis Außenstehender. Wir haben vieles "aus dem Bauch" heraus, aus Beobachtungen und Erfahrungen entschieden, die guten Ratschläge von "ExpertInnen" haben mich im Lauf der Zeit eher verunsichert und ich habe oft intuitiv gewusst, dass sie falsch sind. 
Zitat einer Ärztin, die sich seit Jahrzehnten mit Pflege- und Adptivkinder beschäftigt : „ Dies hört sich alles sehr, sehr unmodern an, denn heute bestimmen doch ein großer „SELBSTÄNDIGKEITSWAHN“  die pädagogische Diskussion und die Devise, die fast zum Dogma erhoben wird, lautet „LOSLASSEN“ (...) Es kostet Kraft, sehr viel Kraft für ein Kind, immer alles alleine und selbständig regeln zu müssen (…). Aber den frühtraumatisierten Kindern entzieht es nicht nur Lebenskraft und damit spätere Antriebskraft, sondern es vergrößert auch noch die vorhandene Angst und der Rückgriff auf die Überlebensstrategie wird niemals durchbrochen werden.“

Wir versuchten ihr eine liebevolle Umgebung zu bieten und wollten in all den Jahren trotz vieler Konflikte nur ihr Bestes. Wir erlebten auch schöne gemeinsame Zeiten, so unternahmen wir öfters Reisen, zwei Mal nach Indien, wo Indira viele darum beneideten in Österreich aufwachsen zu dürfen.
Wir konnten ihr eine Vielzahl an teilweise auch kostspieligen Therapien ermöglichen. Ich gab sogar nach einigen Jahren meinen Vollzeitberuf auf, auch um die unzähligen Gespräche und Termine bei ÄrztInnen, TherapeutInnen, LehrerInnen und sonstigen ExpertInnen mit ihr wahrnehmen zu können. Die Betreuung dieser Kinder/Jugendlichen kann einem Fulltime-Job gleichkommen.
Wie unsere Erfahrungen gezeigt haben, können selbst ÄrztInnen, PsychiaterInnen, PsychologInnen oder andere Fachkräfte nicht adäquat mit der Situation umgehen.

Das Mittel erster Wahl ist immer eine Psychotherapie. Wir nahmen bald nach ihrer Ankunft psychologische/psychotherapeutische Hilfe in Anspruch. Bei einer von mehreren Therapeutinnen waren wir ca. einhundert Mal. Mit heutigem Wissen betrachtend, waren diese (Gesprächs-)Therapien vollkommen sinnlos, da diese Kinder ganz in der Gegenwart leben, Vereinbarungen schnell vergessen sind und die Situation sich erst bessert, wenn sie lernen, die Verbindungen zwischen ihren physischen Empfindungen und ihren Emotionen zu vernetzen.
Es ist ein Irrglaube, dass sich nach Gesprächen durch Einsicht Verhaltensänderungen einstellen würden, da hier nicht Gefühle sondern der Verstand angesprochen wird.
Ein Therapieansatz muss in Zeiten, da sich diese Kinder noch nicht in Sicherheiten wiegen, immer ein körperzentrierter sein, wo sie lernen können sich zu spüren. Trauma ist im Körper gespeichert und es besteht kein kognitiver Zugang. Im Falle eines schweren Entwicklungstraumas findet die Vernetzung mit dem Präfrontal-Cortex, der unseren Antrieb, die Motivati­on, Planungs- und Handlungs­fähig­keit, Gedächt­nis­, Problem­lösungskompetenz, Auf­merksamkeit, Emotionalität, Sozi­al­ver­halten und das "Gewissen" steuert nicht oder nur eingeschränkt statt.

Der eklatante Mangel an Spitalsbetten in der Kinder- und Jugendpsychiatrie besteht nicht erst seit Coronazeiten. Nachdem es unserer Tochter wochenlang sehr schlecht gegangen war, wir in kurzen Abständen immer wieder in der Ambulanz des AKH vorstellig wurden und nicht mehr wussten, wie wir zu Hause mit der Situation eines psychotischen Kindes umgehen sollten, konnte sie, als sich die Lage immer mehr zuspitzte,  dann endlich doch aufgenommen werden. Während eines fünfmonatigen Aufenthalts in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des AKH im Alter von ca. 14 Jahren unternahm unsere Tochter einen Suizidversuch. Man fand es nicht der Mühe wert uns sofort zu informieren, wir wurden aber vom diensthabenden Arzt mit einem tagelangen Besuchsverbot belegt, da er einen Zusammenhang zwischen dem Vorgefallenen und uns zu erkennen glaubte.
Es sind jedoch in den allermeisten Fällen nicht die meist sehr engagierten Pflege- und Adoptiveltern schuld an Schwierigkeiten, sondern das seelisch verletzte Kind hat seine persönliche Geschichte und damit ein großes Repertoire an konflikthaftem Verhalten in die Familie gebracht.
Wir besuchten sie fünf Monate fast täglich, nach einiger Zeit durfte sie am Wochenende nach Hause.
Wir waren  bis zu ihrer Volljährigkeit an die Ambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie des AKH angebunden. Die Arbeitsbedingungen der ÄrztInnen und TherapeutInnen dort sind äußerst prekär. Trotz fensterloser ! Räume, Personalmangel, enormem Druck und dem Dienst auch auf den Stationen war ihr Einsatz bewundernswert, auch wenn nicht alles reibungslos verlief. Heute würde ich sagen, außer dem Stellen diverser Diagnosen, Ausloten und Verschreiben von Medikamente war eine gewisse Hilflosigkeit für unsere Gesamtsituation zu erkennen. Wobei man sagen muss, dass Ärzte eben nur die medizinische Seite kennen. Wir haben dort viele Stunden wartend verbracht.

Ein hoch auffälliges, traumatisiertes Kind in der Familie zu haben kann auch bedeuten, sehr schnell in prekäre Situationen zu gelangen, die mein Vorstellungsvermögen im Vorfeld bei weitem überstiegen. Es kann sein, dass sie denunzieren, stehlen und Geschichten erzählen, die jeder Grundlage entbehren. Sie kennen keine Grenzen und es ist ihnen alles egal, wenn sie sich in einem "Überlebenskampf" wähnen.
Das kann so weit gehen, dass sie andere sexueller Übergriffe bezichtigen und ich möchte nicht wissen wie viele Burschen/Männer schon unschuldig zum Handkuss gekommen sind. Meiner Meinung können auch PsychiaterInnen nicht immer die Wahrheit herausfinden, da sie teilweise sehr geschickt und hartnäckig lügen. Auch damit waren wir konfrontiert, die Psychologin im AKH drohte uns mit einer Gefährdungsmeldung an das Jugendamt. Damals wusste ich noch nichts von all diesen Zusammenhängen und Strategien.
Mit subtilen Mitteln versuchen sie in der Öffentlichkeit ihren Willen durchzusetzen und eine Opferrolle einzunehmen, Mitleid zu erregen und dies bei nichtsahnenden Außenstehenden, die diese Strategien nicht kennen und völlig falsche Schlüsse ziehen, auch erreichen.

Durch meine Ausdauer, Beharrlichkeit und viel Geduld, aber auch sehr strapazierten Nerven aufgrund schwieriger Lernsituationen (sehr kurze Aufmerksamkeits-  und Konzentrationsspannen, aber auch Unlust, Uneinsichtigkeit, Vergesslichkeit, Blödelei, Wutanfälle und wüste Beschimpfungen) war zumindest ein Pflichtschulabschluss für Indira möglich, eine spätere Berufsausbildung nicht mehr. Alle Versuche sie auf eine Berufsausbildung vozubereiten mussten abgebrochen werden.
Sie lief in den folgenden Jahren immer wieder tage- und wochenlang von zu Hause weg, sie konnte und wollte sich nicht an (Familien-) Regeln und Vereinbarungen halten und trieb sich lieber auf Bahnhöfen und Einkaufszentren in dort herumlungernden marginalisierten Gesellschaftsgruppen um. Dort ist immer etwas los, man muss sich nicht anstrengen und ist keinen Pflichten unterworfen.
Auch der Umgang mit sozialen Medien war ein schwieriger. Daraus und aus der allgemeinen Verhaltensdynamik resultierten immens gefährliche Verhaltensweisen, die trotz wiederholter Gespräche nicht zu stoppen waren.
Frühkindlich Traumatisierte lernen auch nichts aus Fehlern, schon gar nicht wenn sie immer das bekommen, was sie möchten und mit keinen Konsequenzen ihres Tuns konfrontiert werden.

Ich habe Indiras Alltag in Jugendtagen – soweit dies möglich war - strukturiert. Sie musste in der Früh aufstehen, wir haben gemeinsam gekocht, eingekauft, Lernstoff wiederholt, ich habe sie wieder ermutigt Bücher zu lesen, Bewegung in den Alltag eingeplant und viele andere Dinge mehr. Wir haben sie zu Kurse gebracht und auch versucht, ihr Kontakte mit Gleichaltrigen zu ermöglichen. All dies geschah nicht von selbst und war mit viel Zeitaufwand, Enthusiasmus und Geduld verbunden. Aber es gab Zeiten, wo diese Routine ihr gutgetan und viele Tätigkeiten auch mit Freude ausgeführt wurden. Man muss bei frühtraumatisierten Kindern damit rechnen, dass eine sehr enge Begleitung über viele Jahre notwendig sein wird. Man muss diese Kinder/Jugendliche nicht nur fördern sondern auch fordern, ihre (geistigen) Potentiale sind oft weit höher als es den Anschein erweckt. 
Indira brauchte jahrelang unglaublich viel Nähe, wenngleich sie körperliche Nähe ablehnte, wich sie oft stundenlang nicht von meiner Seite, redete übermäßig viel und benötigte ein übergroßes Maß an Aufmerksamkeit. 

Mit 16 Jahren wollte sie unbedingt von zu Hause weg, da wir in ihren Augen die furchtbarsten Eltern der Welt waren. Da meine psychische und physische Belastbarkeit trotz der Unterstützung meines Mannes immer wieder an ihre Grenzen stieß, lebte unsere Tochter auf unsere Veranlassung und ihrem Wunsch einige Zeit in einer WG des Jugendamts. In dieser WG, betrieben von "Jugend am Werk" für die MA11, arbeiteten großteils junge Betreuerinnen, die den teils sehr schwierigen Jugendlichen nicht gewachsen waren und wenig Ahnung hatten. Zitat der jungen, frechen Betreuerin meiner Tochter:" Wir haben alle eine Zusatzausbildung und kennen uns bestimmt besser aus als Sie".
BetreuerInnen haben de facto auch kaum eine Handhabe und es kommt mir vor, dass die derzeitige Kinder-/Jugendbetreuung im institutionalisierten Rahmen nach meiner Beobachtung oft einer zwar liebevollen aber zielgerichteten, konsequenten und respektvollen, nicht alles entschuldigenden Begleitung widerspricht, die diese Kinder/Jugendlichen so dringend bräuchten. Viele BetreuerInnen in den WGs, die ich gesehen habe sind tätowiert, gepierct oder tragen Dreadlocks und rauchen (mt den zu Betreuenden). Wem es gefällt, dem sei dies unbenommmen, aber es soll wohl den Jugendlichen suggeriert werden "eine/r von ihnen" zu sein. Damit, so denke ich, kann eine gewisse Distanz- und Respektlosigkeit viel schneller Raum greifen.
Fast tägliche Polizeieinsätze und Ärger mit den Nachbarn waren in der WG an der Tagesordnung. Die Jugendlichen, die keine Schule oder Ausbildung besuchten, wurden um 8.30h auf die Straße gestellt, da die WG vormittags nicht besetzt war. Wenn die vereinbarte Zeit um 22Uhr zur Rückkehr um mehr als eine Stunde überschritten wurde, wurden sie nicht mehr eingelassen und mussten sich außerhalb ein Nachtquartier suchen. Auch unangemessenes Verhalten hatte einen WG-Verweis zur Folge. Wenn man dies als Privatperson praktizieren würde, hätte man sicher das Jugendamt am Hals. 
So lernte meine Tochter noch intensiver, auch angestiftet von anderen Mädchen, die Dynamiken der Straße und Notschlafstellen kennen. In der Notschlafstelle für Jugendliche der Caritas können Jugendliche völlig kostenlos und anonym an fünf Tagen im Monat übernachten. Diese Stelle ist auch ein Treffpunkt für aus Wohngemeinschaften davongelaufene Jugendliche, Asylwerber und Jugendliche, die sehr wohl eine andere Übernachtungsmöglichkeit hätten, es aber lustiger finden, sich dort zu verabreden. Indira wurde von der Caritas immer mit neuer Kleidung und Sanitärartikel im Übermaß versorgt. Später waren mein Mann und ich einmal bei der Notschlafstelle, da wir sie dort richtigerweise vermuteten. Wir wurden vor der Tür abgefertigt, man müsse die Jugendlichen beschützen - schützen vor uns, die wir schlaflose Nächte vor Sorge hatten!

In der WG war sie mehr abgängig als vor Ort, so dass ihr Davonlaufen eindeutig nicht an uns lag. Heute weiß ich, Weglaufen und Inszenierungen/Denunzierungen um eine Unterbringung in einer WG zu provozieren, sind der unbewusste Versuch  „sich selbst wegzugeben“ und geschehen aus Angst, bevor es die Pflege- oder Adoptiveltern tun könnten, da sich diese Kinder nicht vorstellen können, liebenswert zu sein. 
Wir versuchten während ihres WG-Aufenthalts den Kontakt nicht abbrechen zu lassen und sie möglichst jedes Wochenende nach Hause zu holen. Durch unseren positiven Einfluss kehrte sie nach einiger Zeit freiwillig und gerne wieder von der WG zu uns zurück, da sie zu dieser Zeit erkannt hatte, dass es nirgends besser als zu Hause war. 

Wir haben zahllose Termine mit Indira bei ÄrztInnen, TherapeutInnen, BeraterInnen und sonstigen ExpertInnen wahrgenommen, die im Nachhinein gesehen oft ratlos bis ahnungslos waren und wo Gespräche in sehr persönliche Lebensbereiche eindrangen. Wir haben uns oft hilflos und überfordert gefühlt und ich war 14 Jahre beseelt von dem Gedanken ihr helfen zu wollen und suchte unentwegt nach Möglichkeiten. Erst als ich begann, mich nicht mehr auf die Aussagen von anderen Menschen zu verlassen und Informationen fand, die nicht nur die Theorie sondern auch die Praxis mit hochproblematischen, frühkindlich traumatisierten Kindern/jungen Menschen aufzeigen, verstand ich die Zusammenhänge und damit auch ihr Verhalten, das teilweise von den ExpertInnen als „schlimm sein“ abgetan wurde. Aber da war Indira schon fast erwachsen. 
Während Indira zu Hause öfter herumtobte, konnte sie im Familien- und unserem Freundeskreis sich sehr gut und angepasst benehmen, so dass sich viele lange Zeit nicht vorstellen konnten, welch völlig anderes Gesicht sie zeigen konnte.