Erwachsenenalter/Transition
Bei Erreichen der Volljährigkeit war klar, dass sie ihre Belange nicht selbstständig vertreten wird können. Nachdem eine Bezirksrichterin unser Ansinnen auf Übernahme einer Sachwalterschaft abgelehnt hatte, wahrte ich mit einer notariellen "Vertretungsbefugnis nächster Angehöriger" ihre Interessen, deren Sinn ich auch Indira zu erklären versuchte. Seither haben sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen jedoch geändert.
Bei einem längeren, vom Gericht verfügten Spitalsaufenthalt in der Psychiatrie des Otto-Wagner-Spitals, knapp volljährig und inmitten meist wesentlich älterer MitpatientInnen, wurde sie aufgrund ihrer großen Aggressivität, einhergehend mit wüstesten Beschimpfungen des Personals, immer wieder fixiert und so sehr unter Medikamente gesetzt, dass sie kaum selbstständig essen oder gehen konnte. Mangels anderer Beschäftigungsmöglichkeiten wollte sie immer wieder auf den Balkon rauchen gehen. Die Schwester steckte ihr die Zigaretten, die sie nicht mehr halten konnte, in den Mund – dort wurde ihr Zigarettenkonsum um ein Vielfaches gesteigert.
Auch im renommierten Therapiezentrum Ybbs war kein Platz für Indira, nachdem sie dort Personen tätlich angegriffen hatte. Sie musste zwei Mal nach 14 Tagen die Therapie, die ihr sehr gut getan hatte, abbrechen. Aber sollte nicht gerade in solchen Einrichtungen, wo auf einer der Stationen Traumafolgestörungen als Schwerpunkt angegeben wird, mit den Auswirkungen genau dieser Störung umgegangen werden können?
"Transition"
Anfang 2018 erreichte mich ein Anruf vom Fonds Soziales Wien, wo ich mit ihr schon im Vorfeld in einer Angelegenheit vorstellig geworden war. Die Dame teilte mir mit, dass es erstmalig in Wien eine neue Einrichtung, in der eine möglichst umfassende Betreuung für psychisch beeinträchtigte junge Menschen, die Unterstützung brauchen, geben wird. Indira würde ihrer Meinung nach dort sehr gut hineinpassen. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass dies nichts für meine inzwischen 19jährige Tochter sei.
Nach Monaten harmonischem Zusammenlebens änderte sich in weiterer Folge die Situation zu Hause. Indira blieb wieder tagelang weg, beschimpfte uns wüstest und die Situation eskalierte mehrmals. Unsere Nerven waren sehr angespannt und so entschlossen wir uns doch, sie in diese WG zu entlassen, von der wir uns Unterstützung erhofften. Aufgrund ihrer ständigen Abwesenheit gelang es erst beim letztmöglichen Termin, eine Aufnahme zu erreichen und sie freute sich dann auch auf die eigene Wohnung.
Die Einrichtung ist zwar dem Fonds Soziales Wien unterstellt und von diesem finanziell ausgestattet, aber von der gemeinnützigen GmbH Oasis Socialis geführt, die unter dem Namen „Verein Oasis“ mehrere WGs in der Kinder- und Jugendarbeit betreut. Die "Transition" wird als multiprofessionell betreutes neues Wohnprojekt für Menschen von 16 bis 26 Jahren mit psychischen Erkrankungen bezeichnet, es arbeitet dort mehr Personal als in anderen WGs und sie gilt mittlerweile als hochgelobtes Vorzeigeprojekt, wobei man mit der Materie nicht (sehr) Vertrauten leicht ein tolles theoretisches Konzept präsentieren kann.
Ende Mai 2018 war es dann soweit. Mein Mann und ich brachten Indira mit einem kleinen Koffer, ausgestattet mit dem Nötigsten für die nächsten Tage, in ihr neues Zuhause. Es wurden in einem mehrstöckigen Gebäude in bester Lage des 10.Bezirks, ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs und der U-Bahn, zwölf kleine Wohneinheiten mit Wohn-/Schlafraum, Küchenzeile, Bad und WC ganz neu adaptiert und mit neuen Möbeln ausgestattet, zusätzlich stand ein Erstausstattungspaket im Wert von € 1.000,00 für Geschirr, Bettzeug und diverse Haushaltsartikel zur Verfügung.
Unsere Tochter bezog eine Übergangswohnung, da ihre noch nicht ganz fertig war. Wir freuten uns für sie und sie verabschiedete sich sehr herzlich. Eine Woche später kam sie auf Besuch nach Hause und wir plauderten gemütlich.
Zu unserem Entsetzen mussten wir feststellen, dass mit einem Schlag all unsere Bemühungen, ihr Ordnung, Struktur und Regeln beizubringen zunichte gemacht wurden. Sie kann dort tun und lassen was sie möchte, es gibt keine Tagesstruktur, Indira kann tagsüber schlafen und in der Nacht wegbleiben, es gibt keine geregelten Essenszeiten. Die jungen Menschen sollen auf dem Weg zur Selbstständigkeit „empowert“ werden – ein Schlagwort unserer Zeit. Ein bekannter amerikanischer Arzt schreibt dazu:“ Ein gängiges Wort im Pflegebereich ist „Unabhängigkeit“. Die Vorstellung, dass wir unsere Jugendlichen auffordern, völlig alleine in die Welt zu gehen und sich als unabhängig zu bezeichnen, ist verrückt.“ Jugendliche wie meine Tochter haben meist einen Entwicklungsrückstand von mehreren Jahren. Man würde 13 oder 14Jährige auch nicht sich selbst überlassen. Es ist mir schon bewusst, dass für den Gesetzgeber mit Erreichung des 18.Lebensjahres die Volljährigkeit gegeben ist, ohne Rücksicht in welchem geistigen Zustand/Entwicklungsstand eine Person ist. Auch stellt sich mir die Frage, ob 16 Jährige (ab diesem Alter Aufnahme in die WG, noch Bereich des Jugendamtes) wirklich eine eigene Wohnung brauchen und etliche junge Menschen, die ich dort gesehen habe, werden meiner Einschätzung nach niemals alleine leben können.
Der ärztliche Leiter der Einrichtung, mit dem sie einige Tage nach ihrem Einzug ein Gespräch hatte, stellte ihr frei, ob sie Medikamente nehmen wolle oder nicht, je nachdem wie sie sich fühle. Als ich dies hörte, wusste ich sofort, was sie mit diesen Worten verstanden hatte und dass sie nicht in der Lage war, die Abschätzung der Notwendigkeit der Einnahme von Medikamenten mit ihrer Gefühlswelt in Einklang zu bringen. Ich war dem Arzt, der auch für das Jugendamt, die Oasis Socialis und anderer Einrichtung arbeitet und als angesehener Fachmann für (Kinder- und Jugend-) Psychiatrie gilt, schon in einer früheren Intervention begegnet. Das was ich später über ihn erfahren sollte, bestätigte meinen ersten Eindruck. Er wird als schwierige Persönlichkeit beschrieben, dem man bei den Oasis Team-Sitzungen immer wieder erklären muss, wer seine PatientInnen sind und der von einem auf das andere Mal unterschiedliche Anweisungen gibt, die er dann nicht so gemeint oder gesagt hätte. Es werden auch problemlos Gefälligkeitsatteste ausgestellt.
Kurze Zeit später kippte die Beziehung zu unserer Tochter, Indira begann mich über soziale Medien wüstest zu beschimpfen, zu denunzieren und mich mit unhaltbaren Vorwürfen zu überschütten (z.B. machte sie mich - nicht die ÄrztInnen - für Medikamentengaben verantwortlich, die in ihren Augen gar nicht notwendig gewesen wären). Wobei man wissen muss, dass das zu den Strategien dieser Kinder/Jugendlichen gehört und die Ablehnung/Denunzierung meiner Person aus der unbewussten Projektion der Gefühle wie Enttäuschung, Wut oder Verzweiflung über die Weggabe ihrer leiblichen Mutter/Herkunfsfamilie gegenüber auf mich resultiert und dies absolut nichts mit mir als Person zu tun hat.
Die Nachrichten kamen meistens in der Nacht, was mir zeigte, dass sie keinen geordneten Tages- und Nachtrhythmus hatte, was für das Wohlbefinden dieser Menschen immens wichtig ist.
Nachdem sie ihre Eltern, besonders mich, so ablehnte wurde der Kontakt von der WG zu uns zur Chefsache erklärt und wir hatten nur Gespräche mit dem Leiter der Einrichtung Herrn H. Von ihrer Bezugsbetreuerin, mit der wir uns im Vorfeld mehrmals getroffen hatten und weiteren Kontakt vereinbarten, hörten wir nie wieder etwas. Herr H. wollte nicht, dass wir mit BetreuerInnen Kontakt hatten, da er unserer Tochter nicht das Gefühl geben wollte, die BetreuerInnen hätten sich mit uns gegen sie verschworen. Auch die Beschimpfungen gegen mich wurden nicht mir ihr besprochen, da man ihr wiederum nicht das Gefühl geben wollte, dass sie lügt. Dies sind jedoch wesentliche Dinge, die man mit diesen jungen Menschen besprechen und auch Entschuldigungen einfordern muss. Dinge, die sich einprägen sollen – auch Kleinigkeiten, aber auch dass man sie lieb hat - müssen von den engen Begleitpersonen immer und immer wieder, auf lange Zeit wiederholt werden, wie wir aus unseren Alltagserfahrungen mit ihr wissen.
Es gab ein paar – für mich sehr belastenden Besprechungen mit Herrn H., bei denen vieles verschwiegen wurde, so auch ihre Krankenhausaufenthalte, uns glaubhaft gemacht werden sollte, dass schon vieles gut läuft und vieles völlig realitätsfremd beschönigt wurde. So wurden Kleinigkeiten als große Leistung gefeiert, wobei ich weiß, welches Potential in Indira steckt. Sie ist in den letzten Jahren vermutlich keiner geistigen Anregung und Anstrengung nachgegangen, weil sie dies einfach ohne Anleitung und Struktur selbst kaum schaffen kann. Ich möchte nicht wissen, auf welch geistiges Niveau sie dadurch und durch ihre Umgebung abgesackt ist.
Nachdem sie, wie schon erwähnt, sich vielen Anstrengung nach Möglichkeit entzieht und keine Selbststeuerung hat, kommt ihr dieses Leben in großer Freiheit sehr gelegen und in ihrer Wahrnehmung ist sie uns endlich entronnen.
Für dieses Nichtstun gibt es für ihre Begriffe auch viel Geld. Indira bekommt vom Fonds Soziales Wien großteils über die WG ausbezahlt, durchschnittlich ca. EUR 600,00 pro Monat. Davon besorgen die jungen Menschen z.B. selbstständig Lebensmitttel. Meine Tochter kocht aber nur äußerst selten (was mich nicht weiter verwundert) und ich weiß, was sie gerne isst: Nudelboxen und Chips. Das Geld soll auch für Handy, Zigaretten, Weggehen, Taschengeld und Bekleidung reichen, was es jedoch teilweise nicht tut, wie wir wissen. Die BetreuerInnen haben von ihren außerhäuslichen Aktivitäten oft keine Ahnung. Zusätzlich steht ihr noch die erhöhte Familienbeihilfe von ca € 380,00 zu. Geld, das - mir unverständlicherweise - der Fonds Soziales Wien als Kostenträger nicht haben will und das die WG einstreift (Aussage eines FSW-Mitarbeiters, Verwendung des Geldes ist mir nicht bekannt). Hinzu kommt noch die kostenlose Wohnung. Indira wird dezidiert auf ein Leben als Sozialhilfeempfängerin vorbereitet. Ich frage mich, was vermittelt man den jungen Leuten dort??? Auch wenn die jungen Menschen psychisch beeinträchtigt sind und ich schon der Meinung bin, dass man die Schwächsten einer Gesellschaft unterstützen sollte - ein Leben in der sozialen Hängematte des überbordenden Sozialstaates wird so zur Selbstverständlichkeit. Der Wohnungsplatz in der WG kostet übrigens laut Fonds Soziales Wien € 9.000,00 pro Monat.
Viele alleinerziehende Mütter wären sicher nicht nur in Corona-Zeiten froh, wenn ihnen so günstige Bedingungen geboten würden.
Mein Vorschlag ein Belohnungssystem für (kleine) geleistete Tätigkeiten mit Geld einzuführen, so wie ich es zu Hause praktiziert hatte, wurde von Herrn H. mit dem Hinweis auf das Gleichstellungsgesetz abgelehnt. Herr H. hat wiederholt betont, man könne psychisch Kranken auch EUR 10.000,00 geben. Kann man schon - nur erschließt sich mir der Sinn der Sache nicht. Meine Tochter würde das Geld in kurzer Zeit für sinnlose Dinge ausgeben und nichts dabei lernen.
Es ist nicht so, dass nicht versucht wird, für sie Termine, die ihr berufliches oder soziales Weiterkommen fördern sollen, zu vereinbaren. Aber wir wissen aus leidvoller Erfahrung, dass sie diese Termine nur sporadisch bis gar nicht wahrnimmt und auch das Angebot der vielen BetreuerInnen, die es dort gibt, nach meiner Kenntnis nicht oder wenig nutzt. Oft mussten wir sie sinnbildlich oder auch tatsächlich bei der Hand nehmen und leiten. Frühkindlich Traumatisierte haben in ausgeglichenen Zeiten oft große (Zukunfs-)Pläne, die aber an der Umsetzung scheitern. Wie Herr H. betonte, sind die BetreuerInnen übrigens alle akademisch gebildet. An der Universität lernt man allerdings den praktischen Umgang mit schwer frühkindlich Traumatisierten nicht.
Im Sommer 2018 hat Indira uns noch einmal kurz besucht, das sollte der letzte Besuch zu Hause gewesen sein. Wir haben Berge von Kleidung, Sportausrüstungen und andere Dinge von ihr zu Hause. Offensichtlich wurde alles, was sie sonst noch benötigte, neu beschafft, von zu Hause geholt wurde nichts mehr (Stand November 2020, siehe weitere Ereignisse). Auch wurden Fernseher, die in jeder Wohnung stehen und die von BewohnerInnen kurz nach dem Einzug kaputt gemacht wurden, bald wieder ersetzt.
Wir haben auch gemeinsam mit dem Leiter der WG 2018 ein Gespräch mit Zuständigen des Fonds Soziales Wien geführt. Dort wurde uns beschieden, die "Transition" würde nach jahrelang bewähren Methoden arbeiten und wir sollten froh sein, dass sie noch dort ist. Dies verwundert uns keineswegs, so wie sie dort leben kann.
Eine Japan-Reise, die wir schon Anfang 2018 gebucht hatten und auf die sie sich damals freute, wurde wenige Tage vor Reisebeginn im Herbst von Indira kosequenzlos abgesagt.
Im Sommer 2019 kam Indira in das Franz-Josef-Spital aufgrund einer schweren Psychose, die sich angeblich auch auf mich bezog. Sie beschimpfte auch dort die ÄrztInnen und das Pflegepersonal auf das Schlimmste (eine Schwester fragte mich später, wie man das über längere Zeit aushalten kann) und musste aufgrund ihrer höchst aggressiven Verhaltensweisen immer wieder fixiert werden, was zu einer permanenten Retraumatisierung führt. Es wäre wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt und in Kombination mit Medikamenten nicht anders zu behandeln gewesen.
Nur durch Zufall erfuhren wir von ihrem Spitalsaufenthalt und ich setzte mich mit den ÄrztInnen in Verbindung, auch weil ich denke, dass es für ÄrztInnen wichtig sein kann, ihre Vorgeschichte zu kennen und zu wissen, dass z.B. Medikamente bei ihr anders als bei weißen MitteleuropäerInnen wirken können.
Was mich allerdings verwunderte war, dass offensichtlich Krankenhäuser bei akut schwer psychisch Erkrankten nicht in das Österreichische zentrale Vertretungsverzeichnis schauen, wo meine Befugnis registriert war und in der auch stand, dass ich Entscheidungen über medizinische Behandlungen treffen könne. Von der WG kam natürlich kein diesbezüglicher Hinweis an das Krankenhaus, ganz im Gegenteil. Ich bekam von Herrn H. eine Nachricht, er würde mir abraten zu sehr in den Prozess einzugreifen, da ich zu ihren wesentlichen Stressoren zähle (nicht ich, sondern ihre Vergangenheit).
Sie wurde auch dort gerichtlich angehalten und verfügte bei einer dieser Anhörungen, dass ich sie keinesfalls besuchen dürfe. Am selben Tag rief sie mich an, dass ich dringend kommen solle, da sie mir etwas Wichtiges mitzuteilen hätte. Mein Mann und ich besuchten sie, sie wusste vom vortägigen Anruf nichts mehr und wies mich schroff aus dem Zimmer, das letzte Mal, das ich sie sehen sollte (Stand November 2020, siehe weitere Ereignisse).
Es wartete schon ihr neuer 18jähriger Freund aus der WG auf sie, mit dem sie immer wieder Ausgang erhielt und der sich sicher zu helfen gewusst hätte, wäre es zu einem Vorfall in der Öffentlichkeit gekommen. Es erreichten mich noch einige Anrufe im Laufe ihres mehr als 3wöchigen Spitalsaufenthalts zwischen Beschimpfung und dem Bedürfnis nach Mitteilung, zu einer persönlichen Begegnung kam es nicht mehr.
Indira ist auch bei mir noch mitversichert, so dass mir Wochen nach ihren Spitalsaufenthalten Rechnungen für den Selbstbehalt der Krankenhauskosten ins Haus flattern, in diesem Fall betrug dieser € 500,00.
Ich glaube auch, dass sie im ersten Jahr nicht sehr oft in der WG war, da ihr damaliger Freund nur fünf Minuten von ihrer Wohnung entfernt wohnte und sie diese nur nutzte, wenn es Probleme mit ihm gab.
Die Monate vergingen, ich bekam immer wieder sehr böse Nachrichten von ihr.
Von ihrem damaligen kriminellen Freund erreichte mich irgendwann eine Morddrohung via Handy. Er glaubte wohl all ihre Erzählungen über ihre schlimme Jugendzeit bei uns.
Bald nach Indiras Abkehr von uns, wurde mir die Dynamik ihres Verhaltens bewusst, dass sie nicht mehr alleine zu ihren Eltern zurückfinden würde. Es wurde aber in keinster Weise von der WG der Versuch unternommen, die Bindung zwischen Indira und uns zu stärken, ganz im Gegenteil. Wie mir der Leiter Herr W. vor mehr als einem Jahr mitteilte, müsse ich endlich loslassen und man müsse die Bindung zwischen mir und meiner Tochter „entflechten“.
Mittlerweile haben die Mitarbeiter der WG ihr geholfen, einen Antrag auf Aberkennung meiner Vertretung für sie bei Gericht zu stellen, der einzigen „Verbindung“, die mir noch zu ihr geblieben ist. Dieses Ansuchen wurde vom VertretungsNetz, einem dem Justizministerium unterstelltem Verein evaluiert. Die zuständige Dame hat im Beisein eines Betreuers kurz mit meiner Tochter und dann mit mir telefoniert. Die Aussagen wurden ungeprüft, ganz in Indiras und ihrer BetreuerInnen Sinn, die Indira ganz offensichtlich instrumentalisiert hatten, zu einem Bericht an das Gericht verfasst und dieser strotzt vor Unwahrheiten und Verzerrungen. Ich finde es eine Frechheit, sich von Menschen, die von der Materie und von den konkreten Lebensumständen keine Ahnung haben, be- und verurteilen lassen zu müssen. Während bei uns vom Leiter der WG immer auf Persönlichkeitsrechte, die gewahrt bleiben müssten bei der Informationsweitergabe - obwohl ich eine Vertretungsbefugnis hatte - gepocht wurde und uns unter diesem Vorwand viele relevante Informationen verschwiegen, beschönigend oder nur peripher mitgeteilt wurden, werden Patientenbriefe mit sensiblen Krankendaten selbstverständlich an den Fonds Soziales Wien oder an das VertretungsNetz weitergeleitet.
Die Kosten des Anwalts, dem die sofortige Erwachsenenvertretung zugewiesen wurde, zahlt - im Gegensatz zu meiner bisherigen diesbezüglichen Tätigkeit - übrigens der/die SteuerzahlerInnen.
Für Menschen, die ihr Tun und den Realitätsbezug nicht abschätzen können, wo man bei Straftaten auf „Zurechnungsunfähigkeit“ plädiert, sollen auf der anderen Seite Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit möglichst umfassend erhalten bleiben und von Gesetz wegen werden (fast) aller ihrer Wünsche und Forderungen Rechnung getragen. Die Dame vom VertretungsNetz, die ich zur Rede stellte, erklärte mir unter anderem, wenn meine Tochter dies so wolle, werde ich keinesfalls mehr eine Vertretungbefugnis erhalten. Ich habe aber schon damals prophezeit, dass sie auch neue VertreterInnen, die nicht in ihrem Sinne handeln, bekämpfen wird - und so sollte es auch kommen.
Selbst Juristen mit jahrelanger Erfahrung in der Erwachsenenvertretung psychisch Kranker können ob der neuen Gesetze nur den Kopf schütteln und sind der Meinung, da hätten sich Lobbyvereine durchgesetzt.
Ich weiß auch, dass es eine Trauma-Einrichtung in Österreich gibt, die ganz anders arbeitet und ich ging naiverweise davon aus, dass auch die "Transition" ähnlich arbeiten würde. Wobei die "Transition" nicht dezidiert auf die Betreuung von Traumatisierten, sondern auf psychisch Kranke ausgelegt sein will.
Eine Ärztin im AKH erzählte mir einmal, dass manche Jugendliche es erst im Gefängnis schaffen, eine Ausbildung zu machen und der Leiter der "Transition" erwähnte irgendwann, dass es in Deutschland Ansätze gibt, so schwierige junge Menschen in geschlossenen Einrichtungen zu betreuen (wobei ich glaube, dass forensische Einrichtungen sicher nicht der geeignete Ort sind, jedoch zeitlich begrenzte geschlossene Bereiche schon). Um so unverständlicher ist es mir, dass sich Herr H. bei der Führung der Einrichtung bewusst gegen eine Tagesstruktur und für größtmögliche Freiheiten entschieden hat. Ich glaube, dass nicht nur hochproblematische, schwer frühkindlich Traumatisierte, sondern ALLE jungen Menschen Strukturen, gute Vorbilder und eine Beschäftigung brauchen.
Die Verträge mit dem Fonds soziales Wien und der "Transition" habe ich aufgrund meiner Vertretungsbefugnis mit meiner Tochter unterschrieben. Die Verlängerung der Vereinbarung mit dem Fonds Soziales Wien stand im Dezember 2019 an, ich zögerte zu unterschreiben. Herr H. kontaktierte mich mehrmals und teilte mir mit, wenn ich den Verlängerungsantrag nicht stellen würde, müsse er den Auszug Indiras aus der WG vorbereiten. Auf meine Nachfrage erklärte er mir, dass es eine generelle Bewilligung sei, dass man den Vertrag auch früher beenden könne, dass es nicht zwingend um das Angebot der "Transition" gehen würde und bot mir ein Gespäch Anfang Jänner 2020 mit dem Fonds Soziales Wien an. Es gebe eine neue Case-Managerin, wo man über andere Einrichtungen mit mehr Strukturen reden könne. So unterschrieb ich gegen meine Überzeugung die Vereinbarung, zumal ich in der Kürze der Zeit keine andere Alternative sah. Zu dem Gespräch kam es nie, im März wurde der Antrag bei Gericht gegen mich eingebracht und als ich vor Aberkennung dann den Vertrag mit der "Transition" kündigen wollte, teilte mir Herr H. mit, dass ich nicht befugt wäre, den Aufenthaltsort meiner Tochter zu bestimmen und sich meine Tochter dort wohl fühle.
Was unsere Tochter den ganzen Tag so macht, konnte/wollte mir Herr H. nie wirklich erklären. Indira hat ein Faible für Kleidung und stylt sich gerne. Offensichtlich lebt sie in den Tag hinein, beschäftigt sich über das Handy mit sehr kindischen Dingen, verbringt ihre Zeit mit dem bunt Färben der Haare, Betreuerinnen schneiden in ihre langen Haare Sidecuts. Es gibt - so nehme ich an, da sie vor Kurzem nach längerer Zeit wieder Kontakt zu ihrem Vater aufgenommen hat - wieder ein von der WG gesponsertes neues Handy und heuer zu Weihnachten bekommt sie von der WG ein Nasen-Piercing.
November 2020